Elektroinstallation in Altbauten – Chancen & Risiken
Besonderheiten im Altbau
In Bestandsgebäuden treffen oft alte Leitungsarten und Schutzkonzepte auf heutige Lasten (IT, Küche, Wärmepumpe, Wallbox). Häufige Ausgangslagen:
- Ältere Netzsysteme (TT/TN-C/TN-C-S), teils noch klassische Nullung
- Alte Leitungen (z. B. Bergmannrohr, Stegleitung, Textil-/Gummiisolation), fehlender Schutzleiter
- Unterdimensionierte Stromkreise, wenige Steckdosen, fehlender FI/RCD
- Veraltete Verteilungen/Zählerschränke ohne Reserven und ohne Überspannungsschutz
- Bauliche Restriktionen (Holzdecken, Fachwerk, Denkmalschutz)
Typische Risiken
- Sicherheitsrisiken: fehlender RCD, Überlastung, brüchige Isolation, erhöhter Schleifenwiderstand
- Brandlast: Leitungen in Holzbauteilen, fehlender Brandschutz an Durchdringungen
- Haftungsrisiken: laienhafte Erweiterungen, fehlende Dokumentation/Prüfprotokolle
- EMV/Qualität: schlechte Verbindungen, hohe Übergangswiderstände, Netzstörungen
- Altlasten: mögliche Schadstoffe (Teer/Asbest in alten Materialien) – fachgerecht prüfen lassen
Sanierungs-Prioritäten (bewährt in der Praxis)
- Bestandsaufnahme & Messungen: Sichtung, Schleifenwiderstand/Isolationsmessung, RCD-Funktion, Netzform klären.
- Hauptpotentialausgleich & Erdung: Querschnitte/Anschlüsse prüfen, bei Bedarf erneuern.
- Verteilung/Zählerschrank: nach heutigem Stand (Platzreserven, RCD/AFDD nach Einsatzfall, Überspannungsschutz Typ 1/2).
- RCD-/FI-Schutz: alle Steckdosen- und Außen-/Feuchtraumkreise; FI/LS pro Stromkreis erhöht Selektivität.
- Leitungsersatz & Stromkreise: ausreichende Querschnitte, neue Raum-/Funktionsaufteilung (Küche/IT/Nassräume separat).
- Brandschutz: Abschottungen, Holzbauten beachten, Leitungsführung in Schutzrohren/Installationszonen.
- Dokumentation & Kennzeichnung: Stromlauf-/Leitungspläne, Messprotokolle, Stromkreisverzeichnis.
Leitungsführung & Baupraxis
- Installationszonen: Schlitzen in tragenden Wänden minimieren; alternative Wege (Sockelleistenkanal, Vorwand, Decke).
- Aufputz vs. Unterputz: Aufputzkanäle schonen Bausubstanz, sind reversibel – Unterputz wirkt unauffälliger.
- Holz-/Fachwerk: Zulassungen/Brandschutz beachten, ggf. metallene Rohre/kanäle, Funktionserhalt planen.
- Denkmalschutz: lösbare, rückbaubare Systeme; Sichtschalter/Designprogramme passend zum Altbau.
Smarte Nachrüstung: Chancen
- Funk vs. Bus: Funk (z. B. EnOcean/Zigbee/Matter) für minimale Eingriffe; Bus (KNX) bei umfassender Sanierung.
- Licht & Beschattung: Präsenz/Tageslichtregelung spart Energie ohne massive Eingriffe.
- Energie & Laden: Lastmanagement für Küche/Wallbox, PV-Eigenverbrauch optimieren.
- Monitoring: smarte Zähler/Unterzähler für Transparenz (Grundlast/Spitzen).
Recht & Normen – was zählt
Maßgeblich sind die anerkannten Regeln der Technik (z. B. DIN VDE 0100-Reihe) sowie die Technischen Anschlussbedingungen (TAB) des Netzbetreibers. Bei Änderungen/Erweiterungen gilt der aktuelle Stand für die betroffenen Teile. Bestandsschutz ist kein Freibrief gegen offensichtliche Gefahren.
Kosten & Aufwand einordnen
Der Aufwand hängt stark von Gebäudezustand, Leitungswegen, Denkmalschutz und gewünschter Ausstattung ab. Wirtschaftlich sinnvoll sind Etappen: zuerst Sicherheit und Verteilung, dann Leitungen/Stromkreise, zuletzt Komfort/Smart-Funktionen.
Checkliste: Altbau fit machen
- Netzform, Erdung, Hauptpotentialausgleich geprüft?
- RCD/Überspannungsschutz vorgesehen?
- Leitungszustand und Querschnitte dokumentiert?
- Brandschutz an Durchdringungen/Decken gewährleistet?
- Ausreichend Stromkreise für Küche/Bad/IT/Waschraum?
- Plan für smarte Funktionen (Funk/Bus) und Nachrüstbarkeit?
- Denkmalschutz/Statik/Schallschutz mitgedacht?
- Pläne, Messprotokolle, Stromkreisverzeichnis erstellt?
FAQ: Elektro im Altbau
Brauche ich überall RCD/FI?
Für neue/erweiterte Steckdosenstromkreise ja. Generell empfehlen wir FI-Schutz für alle Endstromkreise – besonders Feuchträume und Außenbereiche.
Darf ich alte zweiadrige Leitungen weiter nutzen?
Nicht für neue Steckdosen/Schutzkontaktgeräte. Fehlender Schutzleiter ist ein Sicherheitsrisiko; Austausch einplanen.
Was tun bei klassischer Nullung (TN-C) im Altbau?
Umstellung auf TN-C-S/TN-S anstreben, PEN-Trennung korrekt in der Hauptverteilung, Potenzialausgleich prüfen.
Wie begrenze ich Schlitzarbeiten?
Installationskanäle, Vorwände, Deckenführung, Funklösungen und gezielte Stromkreisbündel reduzieren Eingriffe.
